Year: 1909
Publisher: Druck- und Verlag von Ferdinand Schöningh, Paderborn
Edition: 1st
Language: DE
Pages: 160
Condition: G
Binding: SC
Series: Studien zur Philosophie und Religion, 2es Heft
- Das Werk „Hermann Samuel Reimarus als Metaphysiker“ von Joseph Engert aus dem Jahr 1908 ist eine grundlegende philosophisch-historische Monographie, die einen oft übersehenen Aspekt der deutschen Aufklärung beleuchtet. Während Hermann Samuel Reimarus (1694–1768) der Nachwelt vor allem als radikaler Bibel- und Offenbarungskritiker bekannt ist – berühmt durch die postum von Gotthold Ephraim Lessing veröffentlichten „Wolfenbütteler Fragmente“ –, rückt Engert in dieser Studie das philosophische Fundament des Denkers in den Vordergrund. Engerts zentrales Anliegen ist es zu zeigen, dass Reimarus’ scharfe Religionskritik kein isoliertes oder rein destruktives Phänomen war, sondern die logische Konsequenz eines tief durchdachten, rationalen metaphysischen Gesamtsystems.
Im Zentrum von Engerts Analyse steht Reimarus’ deistische Weltanschauung, die stark von der rationalistischen Philosophie Christian Wolffs und Gottfried Wilhelm Leibniz’ beeinflusst war. Engert arbeitet detailliert heraus, wie Reimarus versuchte, die Existenz Gottes rein durch die Vernunft und die Beobachtung der Natur zu beweisen. Dieser sogenannte physikotheologische Gottesbeweis besagt, dass die vollkommene Ordnung, Zweckmäßigkeit und Schönheit der Welt zwingend auf einen weisen, schöpferischen Urheber schließen lassen. Für Reimarus war Gott der Architekt eines perfekten Universums, das nach vernünftigen Naturgesetzen funktioniert und keine übernatürlichen Eingriffe mehr benötigt.
Ein weiterer Schwerpunkt des Buches liegt auf der Anthropologie und der Philosophie des Geistes bei Reimarus. Engert untersucht, wie der Aufklärer das Verhältnis von Körper und Geist definierte und wie er das tierische Triebleben vom menschlichen Vernunftvermögen abgrenzte. Reimarus plädiert in seinen Schriften für die Unsterblichkeit der menschlichen Seele, da nur so die moralische Weltordnung und die Gerechtigkeit Gottes vollendet werden können. Engert zeigt auf, wie diese psychologischen und kosmologischen Annahmen nahtlos in Reimarus’ Verständnis einer „natürlichen Religion“ übergehen.
Die tiefere Bedeutung von Engerts Monographie liegt in der Rehabilitierung von Reimarus als systematischem Philosophen. Engert macht deutlich, dass die Ablehnung von Wundern, Dogmen und geoffenbarten Schriften bei Reimarus nicht aus einem allgemeinen Skeptizismus heraus entstand. Vielmehr entsprang sie dem unerschütterlichen Glauben an eine allmächtige göttliche Vernunft, die sich in der Schöpfung selbst offenbart und die keine widersprüchlichen, menschengemachten Dogmen benötigt.
Mit diesem Werk, das Engert 1916 durch eine weitere Studie über den Deismus von Reimarus ergänzte, schuf er ein wichtiges Referenzwerk für die Erforschung der Aufklärung. Es lädt dazu ein, Reimarus nicht nur als Wegbereiter der modernen Bibelkritik zu sehen, sondern als einen der konsequentesten Metaphysiker seiner Epoche.